„Athen: Volksbeschluß über die Tributeinziehung um 430“
 
Humboldt-Universität zu Berlin, Philosophische Fakultät I, Institut für Geschichtswissenschaften
Prof. G. Audring
Wintersemester 1997/98
Proseminar „Der Delisch-Attische Seebund“

 

Inhaltsverzeichnis


0. Einleitung

1. Quellenkritik
1.1 Äußere Quellenkritik
1.2 Innere Quellenkritik
1.2.1 Begriffe
1.2.2 Inhalt

2. Datierung der Inschrift
2.1 Datierung nach Kirchhoff auf 416 v. Chr. (Melische Expedition)
2.2 Datierung nach Meritt auf 430 v. Chr.
2.3 Einschätzung des Autors

3. Quellen- und Literaturverzeichnis
3.1 Quellen
3.2 Literatur

Anhang: „Athen: Volksbeschluß über die Tributeinziehung um 430“
 

0. Einleitung


Gegenstand dieser Hausarbeit ist die Inschrift „Volksbeschluß über die Tributeinziehung um 430“. ,   Erst wird eine Quellenkritik vorgenommen, dann wird auf die Möglichkeiten eingegangen, die Inschrift in den historischen Kontext einzuordnen. Am Ende der Hausarbeit steht eine eigene Einschätzung des Autors.
 

1. Quellenkritik


1.1 Äußere Quellenkritik

Die Inschrift besteht aus drei Fragmenten einer Marmorstele, die auf der Akropolis in Athen gefunden wurden. Die Originalfragmente lagern im Epigraphischen Museum in Athen. Die Schrift ist attisch und im stoichedon (d.h. zeilenweise von links nach rechts, jeder Buchstabe hat den gleichen Raum).

Wichtig für die weitere Betrachtung der Inschrift ist die Tatsache, daß die Inschrift eben nur in Fragmenten erhalten ist: Der Text ist über weite Strecken nur durch den Übersetzer ergänzt, und ein großer Teil ließ sich überhaupt nicht rekonstruieren und kann daher höchstens fiktiv in Zusammenfassung und Interpretation der Inschrift einfließen.

1.2 Innere Quellenkritik

1.2.1 Begriffe

Epiphora (epifora)  (Z. 3) kommt von den griechischen Worten epi = über und foron = Tribut. Epifora bezeichnet also einen zusätzlichen Tribut, den die Bündner an Athen zu zahlen hatten. Aus welchen Gründen eine epifora erhoben wurde, ist umstritten. Manche halten es für Strafgeld bei zu später Zahlung der Tribute,  andere für eine allgemeine zusätzliche Geldzahlung, wenn besondere Ausgaben auf den Attischen Seebund zukamen (z.B. Kriegsführung, vgl. die Merittsche Datierung weiter unten).

1.2.2 Inhalt

Grob lassen sich die erhaltenen und ergänzten Teile der Inschrift in drei Teile aufgliedern: die Zielformulierung (was soll die Inschrift erreichen), die Wegformulierung (was soll getan werden, um die Ziele zu erreichen) und Abschlußformel.

Bevor aber nun auf den Inhalt eingegangen werden soll, ist eine Auffälligkeit zu erwähnen: Ein Präskript fehlt. Normalerweise beginnt eine Inschrift, die den Beschluß einer Volksversammlung dokumentiert (was auch Funktion dieser Inschrift ist - siehe Abschlußformel) auf eine festgelegte oder zumindest traditionelle Weise  mit Sanktionsformel, Namen der prytanischen Phyle, Namen des Sekretärs der prytanischen Phyle, Namen des epikrates,  Namen des arcon eponumos,  Namen des Antragstellers.  Zwar ist die erste Zeile der Inschrift nicht erhalten, doch zweifellos dürfte das Präskript mehr Platz als eine einzige Zeile einnehmen. Zu möglichen Ursachen des Fehlens siehe unter 2.3 „Einschätzung des Autors“.

In den ersten Zeilen der Inschrift (Z. 1 - 8) wird das Ziel des Beschlusses formuliert. Die Mitglieder des Seebundes sollen sich am Krieg gegen Sparta und die spartanischen Verbündeten beteiligen und ihre Tribute und eine Epiphora (s.o.) schnell und vollständig zahlen.

Der zweite Teil der Inschrift (Z. 9 - 22) beschreibt die Vorgabe zur Ausrüstung einer Flotte aus dreißig Trieren. Diese sollen bemannt werden mit 150 „auf Deck kämpfenden“ (Z. 10) Athenern, also fünf pro Schiff, die phylenweise rekrutiert werden sollen. Weiterhin sollen auf jedem Schiff vierzig Hopliten, zehn Bogenschützen und Leichtbewaffnete mitfahren. Wahrscheinlich folgen in der Inschrift noch weitere Vorgaben (als Hinweis darauf das „[phyl]en[weise (rekrutiert)] aus Ath[enern]“ in den Zeilen 20 und 22) zur Ausrüstung, aber diese sind nicht genügend erhalten.

Der letzte Teil der Inschrift, das sind die letzten beiden erhaltenen Zeilen 31 und 32, gibt Anweisungen zur Veröffentlichung des Beschlusses. An dieser Stelle folgt die Inschrift wieder der traditionellen Weise der Notierung von Inschriften in einer mehr oder weniger standardisierten Abschlußformel.
 

2. Datierung der Inschrift


Es gibt zwei unterschiedliche Datierungen der Inschrift. Beide Datierungen fallen in die Zeit des Peloponnesischen Krieges, der im Jahre 432 begann und mit dem Sieg Spartas über Athen 406 sein Ende fand. Athen, das in den 420er Jahren mit dem Seebund seine größte Machtentfaltung erlebt hatte, mußte als griechische Großmacht abdanken und fand nie wieder zu seiner alten Stärke zurück.

2.1 Datierung nach Kirchhoff auf 416 v. Chr. (Melische Expedition)

Die erste Veröffentlichung erfuhr die Inschrift in der ersten Auflage der Inscriptiones Graecae, herausgegeben von Kirchhoff. Die dort vorgenommene Datierung der Inschrift auf 416 v. Chr. und ihre dortige Interpretation bezüglich der Melischen Expedition wurde in anderen Quellensammlungen übernommen  und erst von Meritt (s. u.) angezweifelt.

Die Datierung nach Kirchhoff auf 416 hält sich eng an den Bericht des Thukykides über den Peloponnesischen Krieg, genauer gesagt an das Kapitel über die Melische Expedition.  Thukydides schreibt dort: „Auch gegen die Insel Melos fuhren die Athener aus mit einer Flotte von 30 eigenen Schiffen, 6 aus Chios und 2 aus Lesbos; an eigenen Truppen waren es 1200 Gepanzerte und 320 Schützen (...)“ (Thuk. V 84, Übers. Georg Peter Landmann). Dies deckt sich mit den Zahlenangaben, die die Inschrift macht: 30 Trieren (vgl. Z. 12), auf jeder 40 Hopliten (vgl. Z. 16; also insgesamt 1200) und 10 Bogenschützen (vgl. Z. 17; also insgesamt 300).

Eine Datierung aufgrund dieser Tatsachen ist nachvollziehbar (Tod schreibt hierzu: „The agreements between certain phrases of our decree and the account given by the historian can hardly be due to mere coincidence“ ) und wurde auch bis zur Veröffentlichung der Schrift von Meritt nicht infragegestellt.

2.2 Datierung nach Meritt auf 430 v. Chr.

Meritt datierte diese Inschrift auf das Jahr 430, also auf das zweite Jahr des Peloponnesischen Krieges. Seine Datierung stützt sich vor allem auf zwei Passagen. Im ersten Teil des Textes  legen die Bruchstücke „Epiphora“ (Z. 3), „vollständig“ (Z. 4) und „den Tribut in vollständiger Höhe“ (Z. 7) die Folgerung nahe, der Beschluß der athenischen Volksversammlung beschäftige sich mit Tributeinziehung und nicht mit der Ausrüstung eines Kriegszuges.
Diese Folgerung wird auch durch das Fragment der Zeilen 26-27 unterstützt. An dieser Stelle konnte zwar nur wenig rekonstruiert werden, doch die erhaltenen Worte stellen eindeutig den Bezug zu Tributen und mehreren Städten her.

Zur weiteren Datierung auf 430 zieht Meritt Aristoteles und Thukydides heran. Aristoteles gibt an, daß Tributsammelexpeditionen erst nach Kriegsbeginn 431 zu einer ständigen Einrichtung wurden,  also kann die Inschrift nicht auf früher datiert werden. Thukydides erwähnt in seinem „Peloponnesischen Krieg“ drei tributeinziehende Expeditionen in den ersten Jahren des Krieges, 430, 428 und 425.   Nach Meritt beschreibt die Inschrift die erste der drei, wofür er sich auf Tributlisten bezieht: hier taucht der Begriff „Epiphora“ nur in den Jahren zwischen 440 und 430 auf.  Folglich sei die Inschrift auf 430 zu datieren.

Im Jahre 431 begann der Peloponnesische Krieg, und vermutlich sollte der Volksbeschluß - falls wir Meritts Datierung folgen wollen - zu einer Mobilisierung weiterer Kräfte im Seebund dienen, sowohl durch schnelle Zahlung der Tribute als auch durch die Epiphora. Die große Zahl der Schiffe und ihre kriegerische Ausrüstung dienten wohl der Einschüchterung der Bündner, falls diese nicht bereit sein sollten, die Epiphora zu bezahlen.

Vereinzelt wurde Meritts Hinweis auf den tributeinziehenden Charakter der beschlossenen Expedition auch als Unterstützung für die Kirchhoffsche Datierung gesehen. Diese Deutung gehört in den Zusammenhang zur Diskussion um die Melische Expedition. Auf der Tributliste von 425 (der sog. „Kleonschatzung“)  wurde Melos auch aufgeführt, und manche Historiker erklären die brutale Eroberung Melos’ durch die Athener im Jahre 416 damit, daß es abtrünnig wurde.  Das Gegenargument hierzu liefert Meritt jedoch auch bereits: Im Fragment der Zeilen 26-27 ist eindeutig von mehreren Städten und Tribut die Rede.

2.3 Einschätzung des Autors

Die Merittsche Argumentation gegenüber der alten Datierung auf 416 scheint schlüssig. Die beiden Hauptgründe gegen eine solche Datierung, der Verweis auf die häufige Nennung der Worte „Tribut“ und „Epiphora“ sowie Vorbehalte gegenüber einer Datierung allein aufgrund von Zahlenangaben, sind nicht von der Hand zu weisen.

Doch auch gegenüber der Datierung auf 430 kann man skeptisch sein. In einem Artikel in der Zeitschrift Historia datiert Walter Eberhardt die Inschrift auf die 420er Jahre. Er verweist auf die nur äußerst bruchstückhaft erhaltenen Tributlisten von nach 430 - möglicherweise wurde auch in dem nachfolgenden Jahrzehnt eine Epiphora eingezogen, ist bloß nicht erhalten.  Zur Unterstützung dieser These reicht auch ein Blick in die Aufzeichnungen von Thukydides: Er schreibt an der für die erste tributeinziehende Expedition angegebenen Stelle (Thuk. II 69) nur etwas von 20 Schiffen, die den Peloponnes umschiffen sollen. Abgesehen davon, daß die Nichtdeklarierung als tributeinziehende Expedition ein Übersetzungsfehler sein könnte, sind es eben nur 20 Schiffe und nicht etwa dreißig, die losgeschickt werden. Und an dieser Stelle ist solch eine Divergenz schon markant.

Der Merritschen Datierung folgend könnte man die Inschrift in Verbindung mit dem inneren Zustand Athens des Jahres 430 bringen. Dies war die Zeit, in der Athen von der Pest oder einer anderen Seuche heimgesucht wurde, und in der die Athener kurz davor waren, den ein Jahr zuvor vom Zaun gebrochenen Krieg wieder zu beenden. Erst nach einiger Überzeugungsarbeit gelang es Perikles, den Athenern wieder Mut zu machen. Von diesem neuen Mut könnte der Beschluß der Inschrift zeugen, der weitere Kräfte für die Kriegsführung mobilisieren soll. Im gewonnenen Eifer und in Eile könnte man vergessen haben, das Präskript der Inschrift anzufügen oder es bewußt weggelassen haben, um Zeit zu gewinnen. Letzteres ist jedoch eine Spekulation, da die Niederschrift eines Volksbeschlusses meistens nicht direkt mit dem Beschluß, sondern einige Zeit später angefertigt wurde.

Abschließend bleibt zu sagen, daß die Gründe gegen eine Verbindung der Inschrift mit der Melischen Expedition von 416 v. Chr. wohl überwiegen. Die Merittsche Datierung auf 430 v. Chr. ist nicht unumstritten, seine Deutung hinsichtlich der Einziehung von Tributen und der Epiphora ist jedoch schlüssig.
 

3. Quellen- und Literaturverzeichnis


3.1 Quellen:

Aristoteles: Der Staat der Athener, übers. u. hg. v. M. Dreher, Stuttgart 1993 (Reclams Universal-Bibliothek, 3010)
Brodersen, Kai, Walther Günther und Hatto H. Schmitt: Historische griechische Inschriften in Übersetzung, Bd. I: Die archaische und klassische Zeit, Darmstadt 1992 (Texte zur Forschung, 59)
Hiller v. Gaertringen, Friedrich: Inscriptiones Graecae I: Inscriptiones Atticae Euclidis anno anteriores, 2. Aufl. Berlin 1924
Kirchhoff, Adolphus: Inscriptiones Graecae I: Inscriptiones Atticae Euclidis anno anteriores, 1. Aufl. Berlin 1873
Lewis, David: Inscriptiones Graecae I1: Inscriptiones Atticae Euclidis anno anteriores, 3. Aufl. Berlin 1981
Meiggs, Russel und David Lewis: A selection of Greek Historical Inscriptions. To the end of the 5th century b. c., Oxford 1989
Meritt, Benjamin David, Henry Theodore Wade-Gery, Malcolm Francis McGregor: The Athenian Tribute Lists I, II, Cambridge/Ma., Princeton 1939-1949
Thukydides: Geschichte des Peloponnesischen Krieges. Übers. v. Georg Peter Landmann, München 1991 (Bibliothek der Antike)
Tod, Marcus Niebuhr: A selection of Greek Historical Inscriptions. To the end of the 5th century b. c., 2. Aufl. Oxford I 1946, II 1948

3.2 Literatur:

Beloch, Julius: Die Attische Politik seit Perikles, Leipzig 1884 (ND Darmstadt 1967)
Connor, W. Robert: The new politicians of fifth-century Athens, Princeton 1971
Bengtson, Herrmann: Einführung in die Alte Geschichte, 8. Aufl. München 1979
Bengtson, Hermann: Griechische Geschichte von den Anfängen bis in die römische Kaiserzeit, 5. Aufl. München 1977 (Handbuch der Altertumswissenschaft)
Eberhardt, Walter: Der Melierdialog und die Inschriften ATL A9 und IG I² 97+. In: Historia 8 (1959) S. 284-314
Kagan, Donald: The Archidamian War, Ithaca und London 1974
Kagan, Donald: The Peace of Nicias and the Sicilian Expedition, Ithaca und London 1981
Kagan, Donald: The Fall of the Athenian Empire, Ithaca und London 1987
Klaffenbach, Günter: Griechische Epigraphik, 2. Aufl. Göttingen 1966 (Studienhefte zur Altertumswissenschaft)
Larfeld, Wilhelm: Handbuch der griechischen Epigraphik Bd. 2: Die Attischen Inschriften, Leipzig 1902
Mattingly, Harold B.: The Athenian Coinage Decree. In: Historia 10 (1961) S. 148-188
Meiggs, Russell: The Athenian Empire, Oxford 1972
Meritt, Benjamin David, Henry Theodore Wade-Gery, Malcolm Francis McGregor: The Athenian Tribute Lists III, Princeton 1950
Meritt, Benjamin David: An Athenian Decree, in: Studies presented to David Moore Robinson on his seventieth birthday II, St. Louis 1953, S. 298-303
Nesselhauf, Heribert: Untersuchungen zur Geschichte der Delisch-Attischen Symmachie, Leipzig 1933 (Klio Beiheft 30 / NF: 17)
Schuller, Wolfgang: Griechische Geschichte, 4. Aufl. München 1995 (Oldenbourg Grundriß der Geschichte, 1)
de Ste. Croix, G. E. M.: The Origins of the Peloponnesian War, London 1972
Treu, Max: Athen und Melos im Melierdialog des Thukydides. In: Historia 2 (1953) S. 253-273
Westlake, H. D.: Essays on the Greek Historians and Greek History, Manchester und New York 1969
 


Bewertung:

Ihre Arbeit leidet unter zahlreichen Ungenauigkeiten, beginnend mit den elementaren Daten des Pelop. Krieges. Der TEil 1.2.1 hängt etwa in der Luft und ist weit davon entfernt, alle Schlüsselbegriffe der Inschrift kurz und sauber zu erklären. Sie hätten sich die Sache vermutlich leichter deutlich machen können anhand von Meiggs (wie Anm.5).


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